August Beckers Chronik vom Dienstag, den 18. 12. 2012

Graz, Hemingway-Bar, drei Uhr morgens. So spät ist der Autor noch nie dran gewesen mit dem Schreiben seiner Chronik. Er hat eine Menge Zeit mit einem Logistiker einer großen Firma verquatscht, offenbar mit jenem Mann, der in Russland das Reparatur-Team für unsere kaputte Fernwärme­leitung aufgetrieben und angeheuert hat. Der Besagte fand dieses Team in Kasan an der Wolga, wo es jeden Winter so kalt ist wie bei uns jetzt. Die Menschen dort scheint das nicht zu stören, ja seiner Meinung nach ist Kasan die bunteste Stadt der Welt. Ich habs gegoogelt: er könnte recht haben.

Es muss diese Farbenpracht sein, welche die Kasaner (oder Kasani oder Kasanesen oder Kasanier) derart locker durch den Winter bringt. Das haben wir nun davon, dass wir Graz immer nur halb­herzig angefärbelt haben: das Grau diverser Betonkunstwerke schlägt mit beißender Kälte zurück! Wenn da wenigstens Grafittis wären! Aber nein, die müssen runter, denn das Betongrau ist ja Teil eines Konzeptes, künstlerisch genauso wertvoll wie Gold, Himmelblau, Pink oder Sommergrün. Man hat sogar einmal einen Grafitti-Wettbewerb hier veranstaltet, aber nicht um Graz aufzubunten, nein, um der Sprayer-Szene auf die Schliche zu kommen, und jene, die so dumm waren, ihre Live-Werke zu signieren, zu hohen Scha­densersätzen für unerlaubte Sprayings verurteilt, die die gleiche Signatur trugen. Glaubt mir, Leser: die –31°C waren längst in unseren Herzen, bevor sie da draußen herein­brachen.

Evgeniya, der Name unserer Kältebringerin, ist übrigens ein häufiger Name in Kasan. Wenn eine Frau in Kasan untertauchen will, nennt sie sich Evgeniya, betreibt sie Geheimprosti­tution, inseriert sie unter Evgeniya, arbeitet sie als Putze oder Perle, ruft man sie Evgeniya, ob sie nun so heißt oder nicht. Der Logistiker von vorhin hat eine Geliebte dieses Namens in Kasan. Sie sagt ihm weder, wo sie wohnt noch wo sie arbeitet. Sie treffen einander immer um 16 Uhr auf einer bestimmten Parkbank, wo sich jeden Vormittag die frisch getrauten Brautpaare fotografieren lassen. Die beiden machen Liebe auf dieser Bank, dann gehen sie wieder auseinander. Sie wissen nie, ob es ein nächstes Mal geben wird inmitten dieser Pracht, und doch ist es bisher jeden Tag geschehen, den er sich in Kasan aufhielt.

Das lässt den Autor zurückdenken an einen Abend vor etwa zwölf Jahren. Er war damals schon mit seiner Frau liiert. Aus Gründen, die ihm entfallen sind, saß er eines Abends allein in seinem Stammcafe in Wien und probierte ein Spiel aus, das man ihm gezeigt hatte. Das Cafe war voll, und zwei Mädels Anfang zwanzig fragten ihn, ob sie sich zu ihm setzen dürften. Der Autor stimmte zu. Die eine mit ihrem schwungvollen Hut hatte es ihm sofort angetan. Sie wollte wissen, was er da spielte, also erklärte er es ihr, und sie spielten zusam­men eine Runde und dann noch eine. Es wäre ein Leichtes gewesen, sie nach ihrer Nummer zu fragen, aber der Autor verzichtete darauf, denn das Wichtigste von ihr hatte er bereits erhalten: das Wissen, wieder jemand Berauschenden treffen zu können, wenn mit seiner Freun­din etwas schief lief. Er kam an diesem Abend voller Euphorie nach Hause und verlobte sich. Was er nicht wissen konnte: diese Begegnung ist bis heute die letzte ihrer Art in seinem Leben geblieben.

Wusste Falco an jenem 18. Dezember, dass er gerade seinen letzten Live-Auftritt hinter sich gebracht hatte? Wusste Antonio Stradivari, dass er gerade seine letzte Geige fertig gestellt hatte? Wusste Gilbert Becaud um sein letztes Lied? Der Barkeeper hat gerade angekündigt, dass den Anwesenden hier bald die letzte Stunde schlage. Er meinte natürlich die Sperr­stunde. Also sollen wir gehen und am nächsten Abend wieder kommen. Aber ich kann nie wissen, ob ich tatsächlich jemals wieder hierher kommen werde. Alles, so wiederholbar es auch scheint, kann in Wahrheit das letzte Mal geschehen sein. You never know for whom the bell tolls.