August Beckers Chronik vom Sonntag, den 16. 12. 2012 

Unter all den historischen Ereignissen, die sich heute jähren, möchte ich diesmal ein einzi­ges, wahrscheinlich für die meisten Leser völlig uninteressantes herausgreifen: den Geburts­tag des Autors dieses Periodikums. 

Ja, es ist nun schon 41 Jahre her, dass seine Mutter versucht hat, ihn ans Licht der Welt zu bringen, aber sein Kopf war zu groß, passte nicht durch ihren Beckenring, und ein Kaiser­schnitt rettete beiden das Leben. Nur hundert Jahre früher – ein Wimpernschlag in der Geschichte – , und ein Geburtshelfer hätte seinen Schädel angebohrt und ausgesaugt und anschließend mit einer Zange so weit zusammengedrückt, dass sich die Frucht wenigstens tot zur Welt bringen und sich so seine Mutter retten ließ.

Der Autor schuldet somit sein ganzes bisheriges Dasein der Medizin. Zum Dank hierfür hätte er eigentlich Arzt werden sollen und hat sich auch einige Semester lang redlich bemüht. Aber ein Kopf, der einmal den für ihn vorgesehenen Weg verlassen hat, so ein Kopf tut das immer wieder. Als dies dem Autor bewusst wurde, war’s aus und vorbei mit dem Mediziner in ihm. Das mitunter schmerzvolle Untersuchen hat er jedoch beibehalten, nur legt er sein Stethos­kop jetzt an den Puls einer Stadt, einer Gesellschaft, ja manchmal sogar an den der ganzen Welt. Er diagnostiziert, aber er heilt nicht. Für viele ist er deshalb ein Heuchler, ein Nestbe­schmut­zer, aber was stört das einen, der von Natur aus gar nicht auf dieser Welt sein dürfte? 

Ja, August Becker lebte gut von seinen Diagnosen, hatte das, was man ein erfülltes Leben nennt. Doch dann kam der Tag, an dem die Medizin wieder in sein Leben trat. Der Autor hatte eine bis dato einmalige Story aufgegabelt: eine Jugendliche verweigerte ihre bevorste­hende Herz­transplantation, einfach so, gegen alle Vernunft der Medizin. Sie wollte schlicht jung sein ohne Makel wie die meisten anderen jungen Menschen auch. Und der Autor schoss ein Foto von ihr, in einer Diskothek, das ihr Kaiserschnitt hätte werden können, wenn nicht ein Wahnsinniger dazwischen gegangen wäre, einer von jener Sorte, die noch im Ge­burts­kanal stecken, vielleicht ihr Leben lang stecken bleiben werden, und der aus Frust über sein Steckengebliebensein den Autor spitalsreif schlug, ja sogar lebensgefährlich verletzte. 

Doch die Medizin kam, sah und rettete diesen ein zweites Mal vor dem biologisch beschlos­senen Tod, lieferte ihn sogar in jenes Spital ein, das er gerade bloßstellen wollte ob dessen undurch­sichtiger Machenschaften. Und der Autor fühlte sich wieder zu Dank verpflichtet, gab das Rauchen auf und seinen geliebten Scotch und verfiel sattdessen dem inspirativen Rausch nach Verzehr einer Tafel Schokolade, er tauschte seinen späteren Lungenkrebs oder Leber­zirrhose gegen Diabetes, denn irgend ein Leiden muss er mit sich herumtragen, damit die Medizin ihn auch ein drittes Mal retten kann.  

Ja, die Medizin hat ein Auge geworfen auf August Becker, die beiden kommen voneinander nicht los, und sollte die Welt auch unter­gehen in wenigen Tagen, August Becker wird es nicht. Sollte er zu Sturz kommen, sollten Trümmer auf ihn herabfallen, giftige Rauchschwa­den ihn einhüllen, die Medizin wird ihn da rausholen, damit er weiterhin berichtet über die Infektionen und Fehlfunktionen dieser Gesellschaft. August Becker wird weiterschrei­ben, solange es noch jemanden gibt, der seine Zeilen liest. Und darauf darf man immer hoffen, denn Geschriebenes ist geduldig, selbst wenn der nächste Leser erst in zwei Millionen Jahren kommen sollte, Facetten­augen trägt und sich einen zirpt auf klingoborgi­nesisch.

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