August Beckers Chronik vom Samstag, den 15. 12. 2012

Es war tiefer Winter im Reservat der Sioux, die entweder den Befehl der Weißen zu befolgen hatten, weg zu ziehen, um daran zugrunde zu gehen, oder sich dem Befehl widersetzen konnten, mit der gleichen Aussicht. Häuptling Sitting Bull, der sich für eine Legende hielt, weil er mit den Weißen auf Augenhöhe sprach und sogar in der Show eines gewissen  Buffa­lo Bill aufgetreten war, widersetzte sich und war wenige Minuten später tot, als hätte er nie existiert. Er hatte die Kräfte nicht gekannt, die ihn am Leben erhalten hatten: weder sein Mut, sein Geistertanz noch seine Rhetorik waren es gewesen, sondern die Lau­nen des wei­ßen Mannes, für die er in dieser oder jener Form noch brauchbar gewesen war. –

Der zweite Weltkrieg war schon beinahe zu Ende, Frankreich bereits zurückerobert. Eine Musik­­legende namens Glen Miller, dem unter anderem Udo Lindenberg seinen Sonderzug nach Pankow verdankt, sollte in Paris auftreten und überflog zu diesem Zwecke in einer einmotorigen Maschine den Ärmel­kanal. Was er nicht wusste war, dass ein Geschwader ameri­kanischer Bomber gerade auf derselben Strecke zurück zu ihrem englischen Stützpunkt unterwegs war, und weil eine Landung mit überflüssigen, nicht zum Abwurf gekommenen Bomben als zu gefährlich galt, warfen sie ihre Fracht über dem Kanal ab, leider just als Mil­lers Maschine unter ihnen durchflog. Das Ende ist bekannt: Sein Flugzeug wurde von einer entsorgten Bombe getroffen, stürzte in den Kanal und wurde bis heute nicht gefunden. –

Eine Nobelklinik in Kalifornien in den Sechzigern. Ein hochkarätiges Ärzteteam hat gerade einen Menschen aufgeschnitten, der mit 800 erhaltenen Auszeichnungen auch noch 50 Jahre später zu den meistgeehrten Menschen der Welt zählen wird. Sie sehen, dass der Lungenkrebs ihres Patienten inoparabel ist, aber sie können diese Machtlosigkeit nicht zulassen, nicht sie, nicht bei diesem Patienten. Sie beschließen Ungeheuerliches: Sie werden ihn nicht wieder zunä­hen, aufwecken und seinen Tod geschehen lassen, nein, sie werden seinen Kopf abtrennen und einfrieren, damit der Genius darin wiedererweckt werden kann, wenn die Medizin eines Tages so weit ist. Der Name des Patienten: Walt Disney. Oder wars nur eine Spukgeschichte?

Es müssen also nicht immer die Iden des Märzes sein, an denen berühmte Personen durch andere Menschen umkommen, die damit Gutes zu tun vermeinen. Auch an den Iden des Dezembers wird gemeuchelt, was das Zeug hält. Vielleicht weil alle schon ihren Blick nach vorne gerichtet haben, zum Christkind und zur Ewigkeit, aus der dieses herniederschwebt für ein paar Stunden. Last Christmas I gave you my heart, but the very next day you gave it away. Auch dieses Lied ist Meuchelmord, sogar in zweifacher Hinsicht: einerseits, weil es das traurigste Weihnachten besingt, das einem passieren kann, und andererseits, weil just dieses Lied drauf und dran ist, das Ur-Weihnachtslied ‚Stille Nacht‘ von Platz 1 zu verdrängen. Unglück anstelle von Erlösung, Meuchelweihnacht.

Womit wir bei den heurigen Iden angelangt wären: Alle wundern wir uns, aber alle warten wir, halten still. Dabei spüren wir es tagtäglich unter unseren Füßen: Beim Abendessen, an der Bushaltestelle, im Schwimmbad, in der Schu­le, im Bett, immer die­ses dumpfe Grollen und Erzit­tern aus der Tiefe. Und die Schwerfahr­zeuge, die ohne Unter­lass nach Graz rollen, eine Invasion, die sich scheinbar in der Stadt in Luft auflöst, niemand gibt zu, dass da etwas faul ist, aber jeder weiß es tief in seinem Herzen: Nicht Weihnachten steht vor der Tür, sondern ein einmaliges Ereignis von gigantischem Aus­maß. Ist es doch der Weltuntergang? War last Christmas vielleicht das allerletzte Weih­nach­ten, zumindest hier in Graz?